Infocom: Das Ende eines Genres

Über die Geschichte von Infocom ist bereits alles erzählt: von der Gründung 1979 für den Vertrieb von Dungeon, das als Zork-Trilogie zum erfolgreichsten Textadventure aller Zeiten wurde, über eine Führungsriege, die lieber Bürosoftware herausbringen wollte und durch Fehlentscheidungen und mangelndes Verständnis des Marktes das Unternehmen herunterwirtschaftete, bis zum Ende, das mit der Veröffentlichung der letzten vier klassischen Spiele 1988/89 begann und sich dann in der Schließung der Firma im selben Jahr manifestierte, nachdem immer mehr Mitarbeiter sie bereits verlassen hatten.

Aber was geschah danach? Den meisten Betrachtungen ist der weitere Weg des Namens und des Erbes von Infocom höchstens noch einen Nachsatz wert, dabei kamen noch mehrere, zum Teil durchaus erfolgreiche, Spiele und sogar ein Textadventure heraus, bevor die Marke Infocom Anfang der 2000er endgültig verschwand.

Zunächst kamen in den letzten Tagen noch mehrere Spiele heraus, die das Textadventure-Genre bereits abgestreift hatten: das Mars Saga-Remake Mines of Titan, das Rollenspiel BattleTech: The Crescent Hawk’s Inception, der nur für den Macintosh erschienene Adventure-RPG-Hybrid Quarterstaff: The Tomb of Setmoth und das ähnlich angelegte Circuit’s Edge.

1991 erkannte Activision (der Inhaber der Marke, der Infocom bereits 1986 gekauft hatte und für einen großen Teil des Unmuts innerhalb des Unternehmens verantwortlich war) die anhaltende Popularität der Textadventures, die allerdings bereits vom Markt genommen worden waren. Es erschien die wertige, aber schlampig zusammengestellte Sammlung The Lost Treasures of Infocom, die 20 der 35 klassischen Spiele enthielt, wenig später gefolgt von einem zweiten Teil mit den meisten restlichen Spielen. Leather Goddesses of Phobos war nicht enthalten, da noch ein Restbestand vorhanden war, der nun über einen Coupon dazugekauft werden konnte. Bei anderen Titeln fehlte die Lizenz.

Zur gleichen Zeit begann eine Strategie, auf dem guten Namen aufzubauen und Nachfolgeteile früherer Spiele herauszubringen. Es erschienen BattleTech: The Crescent Hawk’s Revenge und das immerhin originell betitelte Leather Goddesses of Phobos 2: Gas Pump Girls Meet the Pulsating Inconvenience from Planet X, das allerdings durchgehend schlechte Kritiken erntete, obwohl es vom Autor des ersten Teils Steve Meretzky stammte. Dazu kamen Spiele anderer Hersteller, die das Label Infocom ohne echten Grund aufgeprägt bekamen, etwa Simon the Sorcerer von Adventuresoft für den US-Markt und skurrilerweise die amerikanische NES-Version des japanischen Rollenspiels Tombs & Treasure.

Auch die Möglichkeit, den größten Erfolg des Unternehmens fortzusetzen, wurde genutzt: die Zork-Trilogie, die bereits in der Textadventure-Phase die beiden direkten Nachfolger Beyond Zork und Zork Zero sowie mit der in derselben Welt spielenden Enchanter-Trilogie eine Spinoff-Serie erhalten hatte. Erste Konzepte für Return to Zork wurden entwickelt, das schließlich 1993 als Point & Click-Adventure mit gefilmten Sequenzen herauskam. Ebenso wurde um 1994 die Arbeit an einem Planetfall-Nachfolger begonnen, der jedoch nie fertiggestellt wurde.

Return to Zork wurde ein großer Erfolg, und so folgten nach ein paar Jahren (in denen etwa die wesentlich besser als die Lost Treasures kuratierte neue Sammlung Classic Text Adventure Masterpieces of Infocom herauskam) zwei weitere Zork-Spiele: Nemesis und Grand Inquisitor. 1997 erkannte Laird Malamed, der Entwicklungsleiter von Zork: Grand Inquisitor und spätere Vizepräsident von Activision, in der Entwicklungsphase des Spiels die gerade florierende Textadventure-Fanszene im Internet als Katalysator für eine größere Marketingkampagne. Mike Berlyn und Marc Blank, zwei frühere Infocom-Autoren, konnten für die Idee gewonnen werden, ein kurzes Textadventure als Werbeaktion für Grand Inquisitor herauszubringen. Tatsächlich erschien im August 1997 mit Zork: The Undiscovered Underground das erste Textadventure eines kommerziellen Anbieters seit 1993, programmiert von G. Kevin Wilson, einem Fan, der sich die Programmiersprache erst für das Spiel aneignete.

Obwohl Zork: Grand Inquisitor hervorragende Kritiken erhielt und auch ein Kassenerfolg war, schwand danach bei Activion das Interesse an der Marke. Malamed, der zuvor vor allem bei den Fans der früheren Spiele einen guten Ruf genossen hatte, übernahm andere Aufgaben, und es gab keinen Nachfolger, dem Infocom etwas bedeutet hätte. Die beiden geplanten Fortsetzungen von Grand Inquisitor verschwanden in der Versenkung, und der Name Infocom wurde so lange nicht mehr genutzt, dass er als Markeneintragung ab 2007 mehrfach die Hand wechselte. Heute scheint ein kleiner Spielehersteller mit dem Namen Infocom, LLC der aktuelle Markeninhaber zu sein.

Es kamen allerdings keine weiteren Spiele oder Neuauflagen alter Spiele mehr heraus, und nach 13 Jahren kann nun wohl recht sicher angenommen werden, dass die Ära Infocom endgültig Geschichte ist.

Unter dem ersten Link „Infocom“ finden sich Informationen (und Links zu Informationen) über die meisten weiteren genannten Spiele. Rechtlicher Hinweis: Das Bildmaterial stammt sämtlichst von Infocom und wird hier unter der Annahme von „Fair Use“ verwendet.

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